Das“ öffentlich Sein“ ist etwas an das man sich gewöhnen muss und an das über sich selbst und über die eigenen Arbeit Sprechen. Man muss sich daran gewöhnen, dass es Leute gibt, die über einen sprechen und selbst wenn sie nur über meine Arbeit sprechen dann bin das ja auch irgendwie ich. Es ist eigenartig, dass man sich plötzlich so zur Disposition stellt und öffentlich wird.
Wie ich arbeite hat sich im letzten Jahr sehr verändert. Ich finde ich bin persönlicher geworden. Die Dinge binden sich stärker an mich. Ich hatte auch lange Zeit ein enormes Problem alleine zu arbeiten und habe gedacht, dass ich das gar nicht kann und recht viel in Gruppen gearbeitet und im letzten halben Jahr ein großes Gruppenprojekt gemacht, aber jetzt bin ich gerade an einem Punkt an dem ich es genieße allein zu arbeiten. Weil ich jetzt auch plötzlich bemerke, dass ich das kann und dass ich mich vor nichts fürchten und keine Angst haben muss.
Am Ende trifft man die Entscheidungen, die wirklich wichtig sind, mit einer Intention die sich in den Monaten des Arbeitens entwickelt hat.
Ja, ich würde sagen Intention kommt von Wissen und Recherche. Die Gründe, warum man sich intuitiv für das Eine und das Andere entscheidet kommen nicht aus dem großen künstlerischen Etwas sondern sind sehr stark mit Wissen verbunden, mit einem Wissen, das man sich angeeignet hat.
Ideal ist ein schreckliches Wort. Also ich verliere sofort den Faden wenn ich versuche mich mir selbst als Idealbild von mir selbst vorzustellen. Und gleichzeitig ist ja genau das was man an Schwierigkeit, Brüchigkeit, Fragilität und Unidealität in sich trägt, auch eine absolut wichtige Vorraussetzung dafür dass man produktiv wird. In so einem zufriednen idealen Zustand glaube ich hat man gar nicht den Wunsch zu produzieren oder die Fähigkeit und die Möglichkeit. Also nein - Unideal ist - ich sehe viele unideale Aspekte die sich in meine Arbeiten übersetze, die meine Tools sind, aus denen meine Texte entstehen, mit denen ich operiere, das sind die Operationsbestecke.
Jahrelang hatte ich die Vorstellung Arbeiten bedeutet, dass man am Schreibtisch sitzt und eine Idee hat und sich konzentriert und diese phantastische Idee dann in eine Richtung weiterentwickelt und das ist natürlich ein Teil, aber ich habe festgestellt, dass ich gut funktioniere wenn ich unkonzentriert bin und auf eine gewisse Art und Weise aus vielen Umständen heraus auch eine gewisse Überforderung empfinde und plötzlich mit einer Leichtigkeit auf Dinge zugreifen kann, die mir in den Sinn kommen oder die dann umsetzen kann.
Ich gehe nicht so vor, dass ich etwas habe, das mich beschäftigt und das ich jetzt im Moment mache und sofort daran arbeite. Das braucht immer irgendwie bis etwas soweit ansteht, dass es artikuliert wird, oder geformt wird. Das ist so eine Art Modus den ich da eigentlich vornehme. Man reflektiert ein paar Mal darüber, immer wieder bis etwas sich so manifestiert, dass man sich dazu aufgefordert fühlt, sich dem jetzt zu widmen und genau den Aufwand entgegenzubringen, den es Bedarf.
Ich habe immer viele Bücher zuhause und lese da immer so ein bisschen drin rum und dann gibt es immer wieder ein zwei Sätze die hängen bleiben und zu diesen Sätzen fällt mir etwas ein und die adaptiere ich dann für mich selbst und vermische sie so mit meinen eigenen Problemen und Bedürfnissen, weswegen ich jetzt eine Arbeit machen möchte und dann verschmilzt das im Idealfall - manchmal auch nicht und dann komme ich in eine Sackgasse und bewege mich in so einem Viereck auf und ab. Das dauert meist vier bis sechs Wochen und ist ein fürchterlicher Zustand innerlicher Unruhe, Rastlosigkeit, viel Trinken. Irgendwann komme ich dann wieder auf etwas zurück, das davor schon da war, das ich aber vielleicht vergessen habe, weil ich in der Zeit auch immer ganz viel aufschreibe. Also ich hab immer Notizbücher, in die schreibe ich einfach alles rein. Wie es mir geht, was mir gerade irgendwie widerfährt, was jetzt gerade irgendwie wichtig sein könnte, was nicht. Alles einfach. Und die lese ich immer wieder durch, schaue mir Sachen an, die ich da eingetragen hab.
Ich schreibe gerne, aber das ist so eine Kunstform auf die ich zurückgreife wenn es mir echt dreckig geht. Weil Schreiben ordnet irrsinnig viel Chaos auch wenn du das Chaos einfach nur niederschreibst und du dir aus den Zeilen gar nichts holen kannst.
Schreiben ist bei mir immer der Weg aus der Krise – wenn eben gar nichts geht, wenn es auch nicht mehr geht, dass ich etwas Künstlerisches mache – dann schreibe ich.
Also das ist der logischste Ausweg oder Konsequenz für mich.
Ich brauche ziemlich viel Ruhe. Also ich habe ein Projekt und denke ich mache ein Video und dann denke ich nach darüber und dieses Nachdenken kann schon ein Monat lang dauern. Nebenbei merke ich, dass die Ausstellung für die das Video ursprünglich konzipiert war, oder für die ich es eigentlich einreichen wollte, dass da eigentlich schon die Einreichfrist vorbei ist und ich merke „nein, das passt nicht“ und ich muss dann noch länger darüber nachdenken und dann komme ich auf einmal dazu, dass ich sage „Nein, es kann kein Video sein, das macht keinen Sinn, weil es so soziopolitisch, kulturell, historisch, einfach eine andere Herangehensweise, benötigt.“ Ich habe zum Beispiel einen Film gemacht, der sich mit Österreichs Geschichte und dem Austrofaschismus und Karl Lueger beschäftigt. Ich dachte ursprünglich ich gehe ins Filmarchiv und ins Filmmuseum und habe mit denen schon geredet und es gab schon Zusagen - nur dann habe ich gemerkt dass es nicht gut ist, dass ich 35mm Filmmaterial verwende und mit einer österreichischen Institution zusammen arbeite, wenn es um die Aufarbeitung der Vergangenheit Österreichs geht. Und dann frage ich mich, was muss ich dann machen. Das muss ich auf YouTube gehen und Videos runterladen, in denen österreichische Geschichte irgendwo drin ist. Also, ich muss etwas machen, dass jeder Mensch machen könnte, nicht nur weil ich einen österreichischen Pass habe, einen EU Pass, sondern das muss auch jemand machen können, in den 80er Jahren in Slowenien sagen wir mal, ohne das die Slowenen in der EU sind. Das muss ein Schwarzafrikaner machen können, das muss eigentlich jeder machen können und darum hab ich dann auch das schlechte Material, diese schlechte Qualität. Dazu muss ich noch sagen, dass ich irrsinnig interessant finde was Hito Steyerl einmal gesagt hat. Dass, wenn du schlechtes Material hast, dann zeigt es die Herkunft davon, dann zeugt das allein schon mal von dem ganzen ideologischen Konglomerat aus dem ich das raus haben möchte.
Es interessiert mich, Wege zu finden mit meiner Gegenwart umzugehen und dafür suche ich Mittel die an andere Zeiten andocken. Also ich versuche zu übersetzen um etwas sichtbar zu machen. Ich denke nur durch die Differenz kann man eine Sichtbarkeit erzeugen oder verstärken. Also wenn ich darüber sprechen will, was es bedeutet, dass es globale kulturelle Massenphänomene gibt, dann glaube ich nicht, dass es hilft sie abzubilden, sondern ich will einen Umweg gehen und sie umlenken über entweder Text oder einen streng konzeptuellen Zugang oder über einen Menschen der etwas spricht. Also ich will einfach so einen Umweg machen können.
Gespräche, aber auch Texte sind für mich wichtig. Ich lese viel Literatur und Philosophie. Bei Foucault und der Diskursanalyse geht es im Grunde darum Machtstrukturen oder gesellschaftliche Strukturen freizulegen. Und ich probiere das zu nutzen. Welche Bedeutungen und Sprecherpositionen findet man im öffentlichen Raum oder in Bildern, Symbolen und Zeichen festgeschrieben. Die Frage bei Foucault ist ja, warum jemand etwas sagen und warum wird zugestimmt und warum widersprochen. Und das ist halt so die Frage - warum ist zum Beispiel im öffentlichen Raum überhaupt etwas sagbar. Ich bin da sicher noch nicht am Ziel angelangt, aber ich versuche irgendwie diese Gedanken nutzbar zu machen.
Ohne Arbeit über mein Arbeiten zu sprechen ist komisch. Vom Gefühl her. Eigentlich gibt es eine Hemmung drüber zu sprechen, weil man denkt man macht etwas anderes draus. Das man sich etwas einredet was gar nicht ist. Man beschreibt etwasund dann kann man es wieder ganz anders erzählen.
Es ist vielleicht ein Misstrauen gegen Sprache, dass ich habe.
Als ich mich auf dieses Interview vorbereitet habe, habe ich deine Emails wieder durchgelesen und in einem stand „Was sind deine Einflüsse?“ und mir war das nicht so richtig bewusst aber, jetzt wo ich aktuell meine Kindheitssachen durchkämme, erst gestern habe ich einige Sachen wiedergefunden, habe ich Parallelen gesehen zu dem was ich eigentlich mache und ich finde es wahnsinnig spannend. Ich glaube, alles was ich mache ist mit meiner Kindheit verbunden. Das ist eine Decke. Meine Eltern haben meine Windeln drauf gewechselt und ich glaub dieses Muster hat sich tief eingeprägt, weil die Stoffarbeiten die ich mache, - die sehen eigentlich so aus. Das ist wahnsinnig, also dass das alles zusammenhängt. Etwas ganz anderes ist, „Private Eye“. Das ist eine satirische Zeitschrift aus England, also so ein bisschen wie Titanic, aber ich finde es viel besser und es ist nüchterner, sie decken Sachen auf, zum Beispiel in der Regierung: irgendjemand hat schon wieder mit seiner Sekretärin geschlafen oder seine Putzfrau ist Schwarzarbeiterin. Das decken sie alles mit sehr viel Humor auf und ich mag sie sehr gerne dafür. Ich finde sie ganz toll. Ich lass mich inspirieren von „Private Eye“ aber das ist nicht direkt und bewusst. Es ist nicht so das sie das durchlese und denke: ah, toller Artikel, ich könnte was drüber machen, sondern es geht in mich rein und dann irgendwann kommt eine Idee und im Nachhinein, oft so ein Jahr später schaue ich mir meine Arbeiten an und sehe dann woher das kam, aber in dem Moment, während der Arbeit weißt du das eigentlich nicht.












19 Interviews on work 2009/10
DV Pal 110 min
19 Interviews on work emerged out of reflections upon methods and practices of artistic work. In Constanze Ruhm´s class at the Academy of Fine Arts Vienna I interviewed my colleagues about their art practice, influences, experiences and reflections on the role as an artist. The focus of the project is the act of speaking and connected to it the positioning of oneself in connection to one´s work.
The act of speaking becomes part of artistic practice.
Interviews with
Katharina Aigner, Josephine Ahnelt, Johannes Bode, Alan Cicmak, Katarina Kjellström Corbet, Sophia Hatwagner, Lukas Heistinger, Barbara Kapusta, Christian Karst, Jennifer Mattes, Julia Novacek, Marlies Pöschl, Jessyca R. Hauser, Constanze Ruhm, Patrick Schabus, Axel Stockburger, Nadine Taschler, Julian Tapprich
Camera & Sound: Marlies Pöschl, Jennifer Mattes, Barbara Kapusta
Editing: Barbara Kapusta
Audio Post Production: David Seitz
Transcript: Teresa Kurzbauer
Thanks to
Axel Stockburger, Constanze Ruhm, Matthias Hermann, Akademie der bildenden Künste Wien